Warum Komasaufen weiblich ist
Zu diesem Thema kam einiges zusammen. Zum einen mein Experiment, genau 20 Jahre nach meiner wilden Jugendzeit, zu der auch exzessiver Alkoholgenuss gehörte, wieder in die Energie dieser Zeit einzusteigen, um nicht nur vage zu erinnern, wie es damals war, sondern es auch wieder zu fühlen. Zum anderen die vielen Reaktionen der Leser und Leserinnen meines Goldchristal November Newsletters, in dem ich dieses Experiment beschrieb.
Die Reaktionen der Leser haben mich sehr berührt. Es ließ mich darauf schließen, dass gar nicht so wenige Menschen diese Zeit voller Scham in ihrem Inneren verschlossen haben. Als dann am 27.11.2009 im SPIEGEL ONLINE ein Artikel erschien, in dem auf eine britische Studie Bezug genommen wurde, die besagt, dass rund ein Viertel der jungen Frauen sich mindestens einmal pro Woche fast bis zur Bewusstlosigkeit betrinkt, war mir klar, dass ich zu diesem Thema was schreiben muss.
Ein torkelndes gesellschaftliches Bewusstsein
Den Grund für das Alkoholproblem sieht Ian Gilmore, Präsident des Royal College of Physicians, laut dem SPIEGEL ONLINE-Artikel im Bewusstseinswandel der Gesellschaft. Es sei mittlerweile „gesellschaftlich akzeptiert“, wenn Frauen betrunken seien, erklärte Gilmore. Und das gelte nicht nur für Mädchen, die sich durch Trinken Gruppenzugehörigkeit und Selbstbewusststein erhofften. Betroffen seien auch ältere Frauen, die nach der Arbeit mit den männlichen Kollegen im Pub mithalten wollten.
Was für ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Gesellschaftlich akzeptiert heißt doch in diesem Fall nichts anderes als: Wir konnten schon nicht verhindern, dass das männliche Geschlecht sich zunehmend am Alkohol festhalten muss, um männlich zu sein, jetzt sind wir auch noch gleichgültig genug, um ruhig dem Verfall des Weiblichen zuzusehen!
Eine ganze Generation verweigert sich
Ein Viertel einer heranwachsenden weiblichen Generation ist mindestens einmal die Woche betrunken, möglicherweise sind es mehr, denn die Studie beruht auf Eigenangaben. Anhand meines eigenen Experimentes kann ich sagen, dass ich eine Woche gebraucht habe, um meinen Kopf wieder so frei zu haben vom Alkohol, damit ich wieder arbeiten konnte und konzentrierte Leistung bringen konnte. Eine Woche? Nach einer Woche folgt doch schon der nächste Rausch bei unseren Jungmädels! Wann also sind diese jungen Leute wirklich klar im Kopf?
Das, was hier vor unser aller Augen passiert, ist entsetzlich. Kollektive Verweigerung. Ein Viertel der nachwachsenden Generation verweigert ihre Leistung, ihren Einsatz, ihre persönliche und soziale Entwicklung, verweigert ein klares, bewusstes Leben, verweigert das Sein ohne Betäubung und Vernebelung, verweigert die Zukunft.
Die explosive Mischung
Was war so schlimm dran, an Besäufnissen in der Jugendzeit, fragte mich nach dem Erscheinen des Newsletters eine Klientin, sie vermutete, ich würde diese Zeit verurteilen. Es sei doch eine total sorglose Zeit gewesen, eine Zeit voller Leichtigkeit, führte sie an. Aber die Gegenfrage, die ich stellte war: Betrinkt man sich, wenn man sich bereits leicht fühlt und wenn man bereits glücklich ist? Nein.
Stattdessen versucht man durch Alkohol etwas herzustellen, das man nicht besitzt: Selbstbewusstsein, Mut, Sorglosigkeit, Lebensfreude, das Gefühl, verbunden zu sein. Es ist auch so verführerisch, so easy going. Der scheinbar einfache Weg, sich die Persönlichkeitsentwicklung anzutrinken. Aber mit jedem Kater verlässt einem das künstliche Wachstum auch wieder und dann fühlt man sich alles andere als selbstbewusst, mutig, sorglos und lebensfreudig!
Muss unsere Jugend im Keller lachen und leben?
Ich habe mich schon während des Experimentes gefühlt, als ob ich energietechnisch und bewusstseinsmässig nach 13 Jahren Alkoholabstinenz vom 60. Stockwerk eines Hochhauses in den Keller gefallen wäre. Mit jedem Glas Alkohol verabschiedete sich ein Stück weit mehr das, was mich ausmacht – mein Bewusstsein, meine Präsenz, mein heutiges reales Selbstbewusstsein, mein realistischer Mut, meine Fähigkeit, etwas ein- und abzuschätzen, die Prioritäten, aber auch die Lebensfreude.
Der Kater am nächsten Morgen war entsetzlich. Wie konnte ich mir diesen Wahnsinn freiwillig jahrelang antun? Fragen wir doch Christine, wie sie vor 20 Jahren war. Damals befragt, hätte sie gesagt: „Weil ich keine Perspektive sehe. Mein Leben ist nicht lustig. Ich weiß nicht, welchen Beruf ich ergreifen soll. Ich finde meinen Platz im Leben nicht. Das Frauenbild macht mich krank, die Umwelt wird zerstört, die Tiere leiden und ich habe niemanden zum Reden. Ich fühle mich unverstanden von meiner Familie und nicht akzeptiert von der Gemeinde. Ich habe brennende Fragen zu Naturschutz, Ökologie und dem Glauben in mir, die mir keiner beantworten kann. Ich suche die Hand, die mich hält und den Weg, den ich gehen soll, aber ich kann nichts erkennen und keiner hilft mir!“ Ein Leben im Keller des Bewusstseins.
Und der Aufstieg zum Verstehen
Ich bin nach meinem Experiment am Folgetag am Mittagstisch meiner Mutter erschienen und nach ihrer ersten Schrecksekunde, es könnte wieder so werden wie damals, mussten wir herzhaft lachen über meinen ramponierten Zustand.
Plötzlich konnten wir uns verstehen.
Ich sie, die nie auch nur einen Rausch in ihrem Leben gehabt hatte, und die sich fragte,
wie sie zu einer Tochter kam, die sich jede Woche betrank. Woher hätte sie wissen können,
was ich brauche? Und ich erlebte mich noch einmal, wie ich damals herumgemuffelt habe und
für die Familie genauso wenig verfügbar war, wie sie für mich. Wie hätte ich auch nur
annähernd freundlich sein können und liebevoll, mit so einem Kopf?
Ich brauchte zwanzig Jahre, um mich dem Schmerz zu öffnen, den diese destruktive Lebenshaltung in meinem Leben erzeugt hat und ein langsames, liebevolles Herauslösen der Energie aus Zellen und Bewusstsein begann. Damit dies überhaupt geschehen konnte, war die lange Jahre andauernde Entwicklung meines eigenen Lebens mit eigenen Zielen, Prioritäten, mit dem Wissen um meinen Seelenplan, meine Lebensaufgabe, meine Herzenssehnsüchte vonnöten. Das eigentlich, was sich bereits zwischen 7 und 14 und dann vor allem zwischen 14 und 21 – im dritten 7er-Lebenszyklus – entfalten hätte sollen.
Erwachsen werden ist nicht nur körperlich wachsen
Jugend-Sucht-Experte Rainer Thomasius sagt in Brigitte-Dossier "Pubertät" zu Alkoholismus in der Jugendzeit: „Oft gilt es, einen psychologischen Entwicklungsrückstand aufzuholen. Dass ein Suchtkranker Siebzehnjähriger sich hinsichtlich seiner seelischen Reife auf dem Stand eines 14-jährigen befindet ist ein typisches Phänomen. Alkohol- und Drogenmissbrauch behindert die Persönlichkeitsentwicklung.“ Das stimmt definitiv – ich habe eine Menge Zeit aufgewendet in den beiden Folgejahrzehnten, um diese Persönlichkeitsentwicklung wieder aufzuholen.
Deshalb werde ich auch nicht eine Art Midlife Crisis kriegen und auf Jugendliche machen, wie eine Bekannte nach Lesen des Newsletters vermutet hat. Warum sollte ich? Alkohol ist eine Krücke, er ist nur reizvoll, solange man sich noch nicht gefunden hat. Solange man seinen Seelenweg nicht geht, den Lebensplan nicht kennt, solange man nicht an die göttliche Energie angebunden ist, was automatisch zu Selbst-Bewusstsein führt und solange man nicht wagt, für sich alleine zu stehen.
Warum die Alkoholsucht weiblich ist
Alkohol sorgt dafür, dass unser Verstand lahm gelegt wird. Wir kommen ins Fühlen. Wir spüren uns deutlicher, intensiver. Wir werden rezeptiv. Annehmend. Locker. Entspannt. Wir werden empfänglich. Wir legen unsere Blockaden ab, unsere Ängste, unsere Zweifel, unsere Sorgen. Endlich freier Kopf. Endlich eine scheinbare Anbindung an außen/oben, weil ja der Verstand endlich aus dem Weg ist und man fühlt sich in einem größeren Zusammenhang, zugehörig. Das klingt alles wie das, was geschieht, wenn man sich nicht nur psychologisch, sondern vor allem spirituell entwickelt, über das Denken als reines Lebenskonzept hinauswächst, sich an das Göttliche anbindet und seinen Lebensweg erkennt.
Die Sucht nach Alkohol ist eine fehlgegangene Suche nach der eigenen Spiritualität. Und es sind alles weibliche Eigenschaften und Qualitäten, die der Alkohol belebt. Rezeptivität, Passivität, Empfänglichkeit. Eigenschaften, die den jungen Frauen in unserer Gesellschaft als nicht mehr erstrebenswert, als veraltet verkauft werden.
Man lese nur eine dieser Mädchenzeitschriften. „Du bist in einen Jungen verliebt? Na dann quatsch ihn doch an! Was, du bist nicht mutig genug? Na, dann trinkst halt was vorher…“. Das moderne Mädchen muss aktiv sein, mutig, beliebt, klug, schön… perfekt eben und es darf nicht warten, bis sich sein Lebenszweck aus dem Inneren heraus offenbart und das Leben auf einen zukommt, nein, es muss das Leben planen, in die Hand nehmen, in die Welt hinausrennen und dort Top-Model werden wie Heidi Klum, die Parade-Frau, die 9 Wochen nach der Geburt eines Kindes wieder auf dem Laufsteg steht.
Statt Substitut die wahre Suche der Balance
„Der Alkohol ist meine Freundin, die große Liebe“, sagt Marcel, 17-jähriger Bursch auf Alkoholentzug in einem weiteren SPIEGEL ONLINE Artikel, geschrieben von Annette Langer. Und damit sagt er sehr präzise, was ihm innerlich fehlt – die Annahme und Liebe seiner weibliche Seite, mit der er vielleicht seinen ganz besonderen Beitrag für diese Welt leisten könnte – die aber in der Gesellschaft, auch in seiner Familie, keinen Wert besitzt.
Wir wissen alle, wie es gelaufen ist in den letzten Jahrhunderten: Zuerst wurde den Männern eingeredet, sie dürfen keinen weiblichen Eigenschaften mehr zeigen – also begannen sie zu trinken, all die „Weicheier“ und „Warmduscher“, wie man sie so lieblos in unserer Gesellschaft nennt. Die sensibelsten aller Männer habe ich auf jeden Fall in meiner alkoholreichen jugendlichen Hardrock-Zeit kennen gelernt….
Seit einiger Zeit wird auch den jungen Frauen in unserer modernen westlichen Welt signalisiert, dass sie knallhart, berechnend und im Kopf zu leben haben. Alles ist mit Kalender planbar, von der künstlichen Befruchtung bis zum Kaiserschnitt nach Plan, die Karriere wird genauso maßgeschneidert wie die Beziehung gesteuert wird. Kein Wunder, dass man zu so einem Leben Alkohol braucht, entweder um es auszuhalten oder um es zu verweigern.
Ich habe in der Praxis immer mehr Frauen, die nicht verwinden können, dass ihre Karriere nicht so läuft, wie man es dereinst auf der Uni versprochen hat. Dass ihre Beziehung nicht so läuft, wie es vom Kopf her geplant war. Das Entsetzen der erwachsen werdenden Jugend, dass doch nicht „alles geht“ ist echt. Und tief. Das, woran die Eltern noch geglaubt haben – der Materialismus – bricht äußerlich, aber auch innerlich in den Menschen zusammen. Und keine weibliche Seite entwickelt, die entspannt und abwartend damit umgehen könnte! Die Ungeduld des Machertums der „männlichen“ Seite lässt Mädchen wie Burschen schnell zum Glas greifen.
Alkohol und die verlorene Weiblichkeit
Die heutigen jungen Frauen und Männer brauchen in erster Linie eines: Die große Liebe. Und zwar zu sich selbst. Sie brauchen die Liebe und das Verständnis, das Mitgefühl und die Aufmerksamkeit für ihren männlichen, aktiven, produktiven Teil, aber sie brauchen auch und vor allem die Liebe, das Verständnis, das Mitgefühl und die Aufmerksamkeit für ihren weiblichen, empfangenden, passiven Teil. Eine aufmerksame, behutsame und bewusste Balancierung der aus dem Gleichgewicht geratenen inneren Wesensteile!
Ganz allgemein braucht jeder Mensch, also auch jeder Jugendliche die Bestätigung, dass er wertvoll ist, so wie er ist. Die jungen Menschen sind voller Fragen – sie brauchen Antworten. Perspektiven. Bestätigung. Einen weiten Horizont.
Die Umgangssprache sagt uns sehr direkt, was Jugendliche sich wünschen: Sie sind „breit“, „voll“ oder „wach (weich)“. Jugendliche möchten sich ausdehnen, angefüllt sein mit ihren eigenen Gefühlen und diese auch fühlen dürfen und damit umgehen können, sie möchten als Ganzes, so wie sie sind, für voll genommen werden und gleichzeitig weich, weiblich, empfänglich, passiv sein dürfen.
In Balance gebracht, finden alle jungen Menschen ihren Weg. Sie öffnen ihr Herz für sich und die Welt. Sie erkennen ihre Gaben und geben sie der Welt. Wir haben viel zu tun als Gesellschaft. Fangen wir an. Leben wir es ihnen vor und geben wir sie nicht auf.
Eure Christine,
die derzeit zum Thema Alkohol und
Bewusstseinsentwicklung forscht